Zur Ruhmühle und ihrer Geschichte

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Des Winters Schnee und Eis
an einem hellen Morgen
vom frisch begrünten Bühle
als Bächlein rauscht es leis
und treibt dir deine Mühle



Hier wird ausgesagt, dass das Wasser durch die Gravitation angezogen vom “begrünten Bühle”  nach unten fließt und die Kraft umgesetzt wird in die mechanische Bewegung des Mühlrads, das die Mahlsteine  antreibt.

In der langen Geschichte der Menschheit haben die Menschen zuerst ihre Zähne als Mahlsteine benützt, bis sie lernten,  das Korn auf verschiedenste Weisen zu mahlen. Der Beruf des Müllers ist somit beinahe so alt wie der des Bauern.

Die Menschen lernten die Energie des Wassers zu nützen. Das bedingt die Ortsgebundenheit: Mühlen liegen nicht oben am Berg,  Mühlen liegen  im Tal, wenn die Gebirgsbäche oder – flüsse schon eine  Menge an Wasser mitführen.

Mit der Erfindung der Dampfmaschine 1765 in England durch Watt bzw. Stevenson wird es möglich, Energiemaschinen zu bauen, die unabhängig sind von Wasser und Wind als Energieträger. Damit ist die Grundlage geschaffen für die Industrialisierung, für die Förderung der Kohle und den Bau von Lokomotiven, die in der Lage sind,  unabhängig vom Ort weite Strecken zu überwinden oder dampfgetriebene Mühlen zu errichten.

Mühlen sind Stätten der Begegnung. Wenn die Bauern vom benachbarten  Buchenbühl, Weiler, Ablers, Schalkenried usw. ihr Korn die beschwerlichen Wege ins Tal zur Mühle unten an der Maisach karrten, dann brachten sie  die neuesten Informationen mit. In der Gaststube hielt man  Brotzeit und tauschte sich aus. Was damals in der weiten und nahen Welt geschah, das brachte das Gerücht, die Sage und die Botschaft in die Mühleneinsamkeit.
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Erstmals wurde die Ruhmühle urkundlich 1419 erwähnt. Die Ruhmühle erhielt ihren Namen den Unterlagen nach deswegen, weil sie eine ”rau ausmahlende Mühle” war. Eine weitere  Erklärung besagt, sie habe ihren Namen nach einem Müller namens Rau, der im 16. Jhrt. das Müllerhandwerk hier ausübte, erhalten.

Die Ruhmühle gehörte zum großen Lehensbereich des Kloster St. Gallen. Das Kloster war der größte Grundbesitzer im gesamten Oberallgäu und am Bodensee. Auch heute ist  das Kloster  Herr über große Besitztümer. Örtlich war die Mühle den Herren von Altenburg zinspflichtig, die in der Burg zwischen Böserscheidegg und Weiler wohnten.

Es war dies die Zeit, als sich hier im Allgäu die Bauern zum “Allgäuer Haufen” sammelten, um gegen die Herren zu streiten. Und sicherlich war die Ruhmühle damals auch eine Stätte des Widerstandes und der Beratung, wie man das Joch der Feudalherren abschütteln konnte. Wald, Wiese und Wasser sollten wieder dem gemeinen Mann und seiner Frau gehören. In den Memminger Artikeln forderten sie 1525 lange vor der Französischen Revolution 1789 die Freiheit des Bauern. Und sie sangen: ”Als Adam schuf und Eva spann, wo war denn da der Edelmann...”
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Der Allgäuer Haufen war Teil der größten Erhebung der Bauern und Untertanen vor der Französichen Revolution. Er reichte vom Rhein bis an die Elbe und vom Allgäu bis  an die Nord- und Ostsee.

Die Ritterheere des ”Schwäbischen Bundes” unter der Führung des Grafen Waldburg waren  stärker und listiger. Sie übten furchtbare Rache unter den Bauern und ihren Anhängern. So wurde der Freiheitskampf vorübergehend zerschlagen und die Mühle wurde wieder untertänig den Herren von Altenburg bei Weiler.

Den Reichtum der Herren Waldburg Zeil  kann man  in dieser Gegend noch überall erkennen..Es lohnt sich, die Burg der Herren mit ihrer beherrschenden Stellung über das ganze Land auf dem Weg nach Ravensburg zu besichtigen. Heute noch sind die Herren von Waldburg- Zeil die “eigentlichen Herren” in jener Gegend, wie es Günter Wallraff einst beschrieben hat.

Die Zeit verging. Der Bauer bestellt seinen Acker und der Müller steht am Mahlwerk. Es wurde angetrieben durch einen von der Maisach oberhalb der Mühle abgezweigten künstlichen Wasserkanal.

Obwohl die Mühle weit entfernt unten im Tal liegt, so dringt dennoch der Lärm und die Not des 30 jährigen Kriegs hierher. Schon 1622 wurden in der Pfarrei Scheidegg 100 Mann einquartiert, die ”Weiber und Kinder nit gezählt, deren es nit minder wie hundert waren. Der liebe Gott möge uns von fernerem Unheil bewahren”, schrieb der Pfarrer Roth damals nieder.

1632 brach der ”Schwede” vom Pfänder kommend in Scheidegg ein. 37 brennende Ortschaften flammten gegen den Himmel auf, darunter Lindenberg, Weiler und Simmerberg. ”Es war eine Not und Kummer, darvon nit genug zu sagen.”

1634 gingen selbst die oberhalb der Ruhmühle abgelegenen Höfe wie die in Buchenbühl in Flammen auf.

Die Ruhmühle jedoch blieb offensichtlich vom Schlimmsten verschont. Dennoch: die Müllerleute Caspar Boch und Hans Buch mussten für die Herren ”die Heimat verteidigen”. Scheidegg musste 56 ”Musketiere” stellen und für den katholischen Kaiser in den Krieg ziehen.

Zu allem Elend kam 1627 der ”Schwarze Tod”, die Pest. Allein in Scheidegg starben 420 Personen als Folge dieser Krankheit. Die Totengräber hatten Tag und Nacht zu tun. Viele Häuser, Höfe und Äcker standen nun leer, auf den Äckern wuchsen statt Korn die Disteln und das Unkraut.

Nach 1648, dem Westfälischen Frieden, kam wieder Leben in die Gegend um die Ruhmühle. Das Wasser der Maisach trieb tagaus tagein das Mühlrad. Die Bauern brachten das Korn, der Müller mahlte und beide nährten Adel und Klerus. Denn sie  wollten alle ernährt werden, wollten Brot ohne Arbeit, während die, die Arbeit hatten,  ohne Brot für sich und ihre Familien waren.

Es kam der 7-jährige Krieg und die Französische Revolution. Wieder hatte die Mühle Mehl zu liefern und die Truppen zu versorgen – bis es erneut zu viel wurde: so wie das Korn reift, so reift auch die Wut.1806 kam es zum Aufstand in Weiler.

Die Getreidepreise stiegen  nach dem Ende der Herrschaft Napoleons in eine unbezahlbare Höhe. Hunger breitete sich unter den Ärmsten aus, während sich in den Kornspeichern der Wucherer das Getreide  stapelte. Kostete ein Sack Getreide vormals 16-18 Gulden, so musste der Müller jetzt 140 Gulden dafür bezahlen.


Man mag sich an das Lied vom Wasserrad von B. Brecht erinnern, wo es heißt:

1
Von den Großen dieser Erde
Melden uns die Heldenlieder:
Steigend auf so wie Gestirne,
Gehen sie wie Gestirne nieder.
Das klingt tröstlich, und man muss es wissen.
Nur: für uns, die wir sie nähren müssen,
Ist das leider immer ziemlich gleich gewesen.
Aufstieg oder Fall: wer trägt die Spesen?

Freilich dreht das Rad sich immer weiter
Dass, was oben ist, nicht oben bleibt.
Aber für das Wasser unten heißt das leider
Nur: dass es das Rad halt ewig treibt.

2
Ach, wir hatten viele Herren,
Hatten Tiger und Hyänen,
Hatten Adler, hatten Schweine.
Doch wir nährten den und jenen.
Ob sie besser waren oder schlimmer:
Ach, der Stiefel glich dem Stiefel immer,
Und uns trat er. Ihr versteht, ich meine,
Dass wir keine andern Herren brauchen, sondern keine!

Freilich dreht das Rad sich immer weiter
Dass, was oben ist, nicht oben bleibt.
Aber für das Wasser unten heißt das leider
Nur: dass es das Rad halt ewig treibt.

3
Und sie schlagen sich die Köpfe
Blutig, raufend um die Beute.
Nennen andere gierige Tröpfe
Und sich selber gute Leute.
Unaufhörlich sehen wir sie einander grollen
Und bekämpfen: Einzig und alleinig,
Wenn wir sie nicht mehr ernähren wollen,
Sind sie sich auf einmal völlig einig.

Denn dann dreht das Rad sich nicht mehr weiter,
Und das heitre Spiel, es unterbleibt,
Wenn das Wasser endlich mit befreiter
Stärke seine eigne Sach´ betreibt.



Am meisten veränderte im Zuge der Industrialisierung und des verstärkten wirtschaftlichen Wettbewerbs die Umstellung von Land- auf die Viehwirtschaft das Leben in der Mühle. Das wegen seines Hanf- und Flachsanbaus einst bekannte “blaue Allgäu” veränderte seine Farbe: es wurde das “grüne Allgäu”.

Die Ruhmühle stellte ihre Funktion als Mahlmühle 1892 ein und wurde Sägemühle. Es wurde stiller, bis das Geklapper der Gangwerke gänzlich verstummte und nur noch das Kreischen der Sägeblätter zu vernehmen war.

Eine Gast- und Begegnungsstätte ist die Mühle bis heute aber immer geblieben, in die Leute wie der Schriftsteller W. C. Ceram (Götter, Gräber und Gelehrte), der in Böserscheidegg wohnte, gerne einkehrten, ihr Bier tranken und sich was zu sagen hatten.

Über all die Jahrhunderte hin wurde die Mühle alt und gebrechlich. Es lösten sich die Balken, morsche Bretter fielen ab und auch das Mühlrad zerfiel. Man sprach gar von Abbruch.

Besitzer der Mühle

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1555  Melch Dieter von Forst ist zinspflichtig dem Amt Bregenz

1569  hat Bartholomä Dieth die Mühlin zu Lehen ( aus Altenburger Urbar 1569)

16?  Hans Rauen
6. Septembris verkauft Hans Gross ein Herrschaftsmann wohnhaft in Hoflings, der Gerichtsbarkeit der Stadt Wangen gegen Adam Kimppel  von Wahlwies im Hegau diejenige Mühlin samt allen Gerechtigkeiten, wie er von Hans Rauen erkauft hatte, mit vier Winterfuhren, Altenburgisch Gut um 400 Gulden. Adam Kimppel, welcher 12 Jahre lang bei Hans Gross als Knecht gedient hatte, kann von diesen Kaufschilling 50 Gulden in Abzug bringen als Lidtlohn. Von Hans Rau also hat die Mühle ihren Namen [eine andere Version besagt ja, dass der Name von “rau ausmahlender Mühle” käme].

1693 Adam Boch und Forsterin, Magdalena

1730 Joseph Boch und  Johanna, 14 Kinder
verkauft Josef Sutter vom Leintobel und seine Hausfrau Anna Göswein am 26. Oktober ihr am Leintobel gelegenes Gut mit 6 Winterfuhren an seinen Vetter Antoni Boch.

1753 4. Dezember findet die Auslösung des Antoni Boch statt mit dem Vogt Josef Boch, Ruehmüller

1771 Johann Boch und Anna

1810 18. April erwirbt Franz Josef  Boch von den Geschwistern Martin, Benedikt, Agathe und Barbara Boch die Mühle um 4480 Gulden. Es lasten darauf: 3 Fl. 4 Kreuzer Notzins an die     Altenburgische Kaplanei in Weiler, 12 Kreuzer Mühlenzins, 3 Kreuzer Sagenzins und 1 Kreuzer Haus und Gartengeld an die Pfarrei Scheidegg. Insgesamt gehörten zur Mühle 19 Tagwerk Wiesen, Wald und Weide (Bayrisches Staatsarchiv)

23. April Boch Franz Xaver und Anna Maria

1837    22. Juni Boch Anna Maria (allein, Witwe)
1. Juli Franz Stiefenhofer und Boch Anna Maria

1860    30. November Stiefenhofer Anna Maria und Kinder (alleine)
23. Mai Mauch Johann, Wirt (Vertrag vom 22.5.1861)
20. Januar: Wagner Gebhard (Vertrag vom 16.1. 1862)
5. Januar : Stiefenhofer Remig v. Weiler (Vertrag von 20.12. 1862)

1863    25. August: Wagner Peter (Vertrag vom 5.8. 1863)
28. Februar: Johann Milz, Säger(Vertrag vom 9.12. 1866)

1871    2. März Möschel, Josef, Bauer, Siebers (Vertrag vom 21.11. 1870)
22. Januar:  Xaver Trautmann, Säger mit 11 Kindern gemeinsam mit Barbara, geb. Forster (Vertrag vom 20.1. 1874)
17. Juli: Strodel Stefan, Holzhändler (Vertrag vom 15.7. 1893)
18. Oktober: Dörler, Auguste, Schreinermeisterfrau von Vorkloster/Bregenz (Nachlass Reg. 57/94)

1894    21. November: Trautmann, Xaver, Heimen (ersteigert 19.11. 1894)
21. November: Johann Baptist Greising und Therese, geb. Wolf (Vertrag vom 20. 6. 1906)

1921    19. August: Greising Therese (Erbfolge 14.7. 1921)
3. Juni:  Greising Johann und Anna Ablers
3. Juni Anna Greising allein  mit Fridolin Schwägle, Bauer

1959 31. März: Greising Johann und Maria, geb. Kretz von Scheidegg

1960
Kauf der Mühle durch Dr. Hans mit Ehefrau Helga Schmid,  Kaufpreis 40.000,00 DM  zu einem qm2 Preis für die Landfläche zu 0,50 DM von Herrn Johann und Frau Maria Greising

1961
Grundlegende Renovierung des Mühlengebäudes östlicher Teil
Zahlreiche Versuche, dem Mühlenbetrieb eine wirtschaftliche Grundlage zu geben, blieben ohne grundlegenden Erfolg (Viehwirtschaft, Kälberzucht usw.).


1967/68
Renovierung :Wohnungseinbau in der ehemaligen Scheuer gegenüber der Ruhmühle.


Renovierung  der Scheuer in die Scheidegger Singschule


Nach dem Tod von Dr. Hans Schmid scheitert erneut der Versuch einer Verpachtung. Überlegungen, die Ruhmühle zu verkaufen, wurden nicht realisiert.

2000
Wolfgang, Eberhard und Reinhard Schmid übernehmen mit neuem Profil und tatkräftiger Unterstützung der  Familie Spieler, Oberbuchenbühl und anderen freundlichen und hilfsbereiten Nachbarn die Ruhmühle

2001
Beginn der Vermietung des Hauses als Selbstversorgerhaus und Vertrag mit der bundesweit arbeitenden Organisation People to People zur Vermietung der Ruhmühle im Sinne von Dr. Hans Schmid und der ganzen Familie.

2002/2003
Dachsanierung vornehmlich durch die Zimmerei Kleinhans und Spenglerei Schuster

2004
Laufende Sanierungen/Modernisierungen (zentrale Heizungsanlage, Dämmung des Hauses außer dem Schindelbereich, Trainage rund ums Haus, Einbau neuer Fenster, Sanierung des Flurs, des Kellers  und sämtlicher Toiletten- und Badanlagen. Runderneuerung der Holzwände im Schlüsselblumenzimmer,

2007
Modernisierung des Küchenbereichs und des Kachelofens in der Allgäustube.